Existenzphilosophie und Ethik

Die Frage, ob sich auf existenzphilosophischer Grundlage eine Ethik entwickeln lässt, ist seit jeher umstritten. Kierkegaard wird oft vorgeworfen, sich im Zwiegespräch des autistisch verschlossenen Einzelnen mit Gott jeglicher Form von Sozialität zu verschließen, schließlich spricht er selbst von einer „Suspension des Ethischen“; Heidegger verneint in „Sein und Zeit“ bekanntlich die Möglichkeit einer ethischen Deutung des menschlichen Daseins; in ähnlicher Weise gesteht Sartre in „Das Sein und das Nichts“, dass sich aus der ontologischen Beschreibung des Menschseins ethische Schlussfolgerungen nur im Modus des „als ob“ herleiten lassen.

Die Geschichte der Existenzphilosophie und ihrer Autoren spricht jedoch eine andere Sprache. Hervorgegangen aus der Opposition zu einer sich verselbständigenden Lehrstuhlphilosphie, wandte sich das existenzphilosophische Denken von jeher zur Lebenspraxis des Menschen und damit verbundenen moralphilosophischen Fragestellungen zurück. Die Ansätze der einzelnen Existenzphilosophen – so sehr sie sich voneinander unterscheiden und abgrenzen – kreisen dabei sämtlich um den Begriff der menschlichen Freiheit, den schon Schelling als „Vermögen des Guten und des Bösen“ beschrieb und der als die Bedingung der Möglichkeit ethischen Denkens überhaupt am Ursprung jeglicher Ethik steht.

Die Konferenz befasst sich mit dem Paradoxon, dass der Existenzphilosophie – je nach Perspektive – entweder starke Ethikverbundenheit oder große Ethikferne zugeschrieben wird. Dabei sollen Fragen wie die folgenden eine Rolle spielen: Wie erklärt sich das Phänomen, dass trotz ihres praxisorientierten Ansatzes keine nennenswerte ethische Tradition aus der Existenzphilosophie hervorgegangen ist? Versperrt sich Existenzphilosophie durch ihren spezifischen Ansatz von vornherein die Möglichkeit, auf ethische Fragestellungen einzugehen? Wird die Existenzphilosophie an einer zu engen Auffassung von Ethik gemessen (die sie womöglich gerade überwinden will); muss der Ethik-Begriff erweitert werden? Deutet dies womöglich auf die prinzipielle Unmöglichkeit, eine Ethik im traditionellen Sinne zu schreiben? Lassen sich vom gelungenen Selbstverhältnis des Einzelnen Rückschlüsse auf Formen des guten zwischenmenschlichen Zusammenlebens ziehen bzw. in welchem Verhältnis stehen Authentizität und soziales Engagement zueinander? Befragt werden hierzu die Ansätze Sören Kierkegaards, Karl Jaspers', Jean-Paul Sartres und anderer Autoren der Existenzphilosophie.

Dem Ansatz der Existenzphilosophie gemäß wollen wir zugleich das Gespräch von der theoretischen zur angewandt-praktischen Ebene hinüberführen. Es gehört zum common sense der Existenzphilosophen, Freiheit immer schon praktisch zu verstehen, als Engagement des Einzelnen in der Welt. Dies soll am Beispiel diskutiert werden. Zur Debatte steht, ob sich die konkreten sozialen Haltungen Brüderlichkeit und Gewalt auf existenzphilosophischer Basis rechtfertigen lassen. Brüderlichkeit und Gewalt sind zwei soziale Haltungen, die – trotz ihres offenbaren Gegensatzes – in der existenzphilosophischen Tradition gleichermaßen auftreten. Stehen sie in einem weniger konträren Verhältnis zueinander, als dies auf den ersten Blick erscheinen mag, oder schließen sie einander aus? Deutet die Tatsache, dass sie gleichermaßen auftreten, auf die Beliebigkeit moralischer Schlussfolgerungen aus dem existenzphilosophischen Ansatzes hin? In diesem Zusammenhang lässt sich auch das konkrete moralische Engagement einzelner Existenzphilosophen in seiner philosophischen Fundiertheit kritisch überprüfen.

Themengebiete

  • Die Existenzphilosophie in Auseinandersetzung mit traditionellen Ethiken
  • Gibt es eine Ethik der Existenzphilosophie?
  • Ist Authentizität ein Wert?
  • Lassen sich Brüderlichkeit und/oder Gewalt auf existenzphilosophischer Grundlage rechtfertigen?